Ich ginge gern
im geringen Mantel
der Worte.

Doch darunter berge sich
die warme, lichte Welt.

Was ist Reichtum?
Was ist Luxus?
Für mich eins:
Einen geringen Mantel trag ich
und dieser Mantel gleicht
keinem.

Srecko KOSOVEL (geb. 18.03.1904 in Triest, gest. 27.05.1926)
aus: Mein Gedicht ist mein Gesicht/Edition Thanhäuser

Von wo aus könnte ich euch schreiben ? Von einer Aussichtsterrasse oder einem
Hotelzimmer aus, von hier oder dort, immer wird das aus meinen fernsten
Träumen sein: Es ist ein Teufel als Engel oder Spottdrossel, der in unsern Köpfen
singt und lacht.
 
"IN DEINEM Gesicht sind
kenntlich Zeichen des Wachsens."

Der Körper, Ausriß aus Lehm,
geformt mit dem Wort,
unterworfen den Gesetzen der Berührungen,
müht sich im aufrechten Schritt
hin durch die Taglast.
Hält Spuren
für den Abdruck von Ewigkeit,
für unzerstörbar und gültig.

"Der Mensch kehrt wieder zurück aus dir."

Reden wird Maß,
dein Gesicht Widerstand gegen den Tod.
Aber nicht aus der Zeit,
sondern zeitweise eingespannt
zwischen bröckelndem Stein
und nachfolgendem Tag.

Das Geheimnis hat in solchem Fall
Verantwortung hin bis zur Grenze des Nächsten.

© Gustav Januš
Aus: Sredi stavka / Mitten im Satz
Residenz Verlag, Salzburg & Wien 1991
Übertragung ins Deutsche von Peter Handke

»V TVOJEM obrazu so
spoznavni znaki rasti.«

Telo, izrezano iz ilovice,
oblikovano z besedo,
podvrženo zakonom dotikov,
se muči v pokončni hoji
skozi dnevno težo.
Ima sledove
kot odtis večnosti,
za nerazrušljive in veljavne.

»Človek se vrača iz tebe nazaj.«

Govorjenje postane mera,
tvoj obraz odpor proti smrti.
A ne brezčasen,
temveč časovno vprežen
med krušljivo kamenje
in med naslednji dan.

Skrivnost je v tem primeru
odgovorna tja do bližnjega meje.

 

Begrensning - Begrenzung 

Da war eine Demo
zog vorbei hier
wo ich wohne ich hörte Stimmen
durchs Megaphon und in einer anderen Sprache
hörte jemanden wütend einschlagen
auf etwas aus Metall jemanden den ich vielleicht kannte sie
gingen aber ich schaute erst hinaus
als sie vorbei waren der Zug war nicht so lang
es waren nicht so viele kann darum
nicht mehr darüber schreiben
diesmal

Øyvind Rimbereid

© Gyldendal Nors Forlag AS 2000
Aus: Seine topografiar : dikt
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel

Protesttoget fantes
dro forbi her
jeg bor jeg hørte stemmer
gjennom megafonen og på et annet språk
hørte jeg noen slå hissig på noe
av metall noen jeg kanskje kjente de
gikk men jeg så ikke ut
før de var forbi toget var ikke så langt
de var ikke så mange kan derfor
ikke skrive mer om dette
denne gang

 
„Wenn Künstler eingeladen werden,
teilzunehmen an den feierlichen Zeremonien des Staates,
sollte das ihre Anerkennung finden“.
ROBERT FROST „Widmungen“
The Gift Outright
 
The land was ours before we were the land`s,
She was our land more than a hundred years.
Before we were her people, she was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England`s still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding left us weak
until we found out that is was ourselves
 
Völlige Hingabe
 
Das Land war unser, ehe wir ihm gehörten,
Es war unser Land mehr als hundert Jahre.
Ehe wir sein Volk wurden, gehörte es uns
In Massachuettes, in Virginia.
Noch aber waren wir Bürger Englands,
Besaßen, was uns noch nicht erfüllte,
Beherrscht von dem, was wir nicht mehr besaßen,
Etwas, in uns zurückgehalten, schwächte uns,
Bis wir merkten, dass wir selbst es waren
 
ROBERT FROST
(F.A.Z. 20.01.2009)
 
„Wenn Künstler eingeladen werden,
teilzunehmen an den feierlichen Zeremonien des Staates,
sollte das ihre Anerkennung finden“.
ROBERT FROST „Widmungen“
The Gift Outright
 
The land was ours before we were the land`s,
She was our land more than a hundred years.
Before we were her people, she was ours
In Massachusetts, in Virginia,
But we were England`s still colonials,
Possessing what we still were unpossessed by,
Possessed by what we now no more possessed.
Something we were withholding left us weak
until we found out that is was ourselves
 
Völlige Hingabe
 
Das Land war unser, ehe wir ihm gehörten,
Es war unser Land mehr als hundert Jahre.
Ehe wir sein Volk wurden, gehörte es uns
In Massachuettes, in Virginia.
Noch aber waren wir Bürger Englands,
Besaßen, was uns noch nicht erfüllte,
Beherrscht von dem, was wir nicht mehr besaßen,
Etwas, in uns zurückgehalten, schwächte uns,
Bis wir merkten, dass wir selbst es waren
 
ROBERT FROST
(F.A.Z. 20.01.2009)
 
Gave Sheba to her Salomon.”
Yet the world stays.”
If that be so
Your cockerel found us in wrong
Although he tought it worth a crow.
Maybe an image is too strong
Or maybe is not strong enough.”

“The night has fallen; not a sound
In the forbidden sacred grove
Unless a petal hit the ground,
Nor any human sight within it
But the crushed grass where we have lain;
And the moon is wilder every minute.
O! Solomon! let us try again.“
WILLIAM BUTLER YEATS
 
Durch den Saba und Salomon sich erkannten.”
„Doch noch immer besteht die Welt.“
„Wenn das so ist,
Fand dein Hahn uns im Unrecht,
Obwohl es ihm einen Krähversuch wert ist.
Vielleicht ist ein Bild zu stark
Oder vielleicht ist es nicht stark genug.“

„Es ist Nacht geworden; kein Laut
In dem verbotenen heiligen Hain,
Außer wenn eine Blüte zu Boden fällt,
Und keine menschlichen Anzeichen,
Außer dem zerdrückten Gras, wo wir lagen;
Und der Mond wird wilder, während die Minuten verstreichen.
O Salomon! Laß es uns noch einmal wagen.“
 
Übersetzung von Andrea Paluch und Robert Habeck
Aus: Ein Morgen grünes Gras/Luchterland
 
Herbstmanöver
Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,
wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend,
ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmal
trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,
wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.
 
 
In den Zeitungen lese ich viel von der Kälte
und ihren Folgen, von Törichten und Toten,
von Vertriebenen, Mördern und Myriaden
von Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,
schlag ich die Tür zu, denn es ist Frieden
und man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht
im Regen das freudlose Sterben der Blätter.
 
Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen
oder auch unter Palmen oder in den Orangenhainen
zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen,
die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die
unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen!
Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht,
mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause.
Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
 
INGEBORG BACHMANN
© Piper Verlag GmbH, München 1978
Aus: Die gestundete Zeit. 1953.
 
 
Das Wirkliche und das Flüchtige / The Real and the Ephemeral
Wie du sitzt, wie du sprichst, oder gehst
durch die Erscheinungen der Welt---
eine flüchtige Kunst.

Wir sehen und lieben.

Aber Form zu finden, die bleibt,
Beständiges im Wechsel auszumachen,
im Flimmern eines Lächelns, im Runzeln einer Stirn,
ein immer noch größerer Glanz.
 
 
The way you sit, the way you speak, or walk
through the appearances of the world ---
is an ephemeral art.

We see and love.

But to find lasting form,
to know the permanent in all change,
in the flicker of a smile, or in a frown,
is still the greater glory.
 
LOUIS DUDEK
Aus: FOR YOU, YOU / FÜR DICH, DIR (ELFENBEIN)
 
 
Biddy Jenkinson - Eanáir 1991 - Januar 1991
Nein küss mich nicht in diesem Januar.
Es wird durch deinen Munddruck keine Lerche fliegen.
Es stürzt
St. Stephans Zaunkönig
zu Boden zwischen uns.
 Fass nicht an meine Hand.
Die Finger fielen mir ab
wie Eiszapfen.
Mach mir mein Herz nicht weich
sein Schmelzfrost würd
zu Hartfrost schnellen.
Schau mir nicht in die Augen
du würdst erstarren
vor Kälte.
Sag mir bloß nicht,
die Welt geht ihren Gang
es keimen Samen und
deine Frühlingsküsse erzeugen Vogelschwärme.
Komm hier zum Totenort
stelln wir uns kusslos trostlos
unter die Bomben, jede die fällt
und machen sichtbar -
wir wollen sie nicht.
__________
Anmerkung: Am St Stephan’s Day wurden früher nach heidnischem Brauch Zaunkönige getötet.
Dem Zaunkönig wurde der Verrat am heiligen Stefan zugeschrieben.

 

Eanáir 1991

Ná póg in aon chor mé an Eanáir seo.
Ní éireodh aon fhuiseog ar do bhéal-bhéim.
Thitfeadh
dreoilíní coscartha Stiofáin
go talamh eadrainn.
Ná tóg mo lámh.
Thiocfadh na méara díom
’na gcoinlíní reo.
Ná bog mo chroí
nó pléascfaidh an fliuchreo ann
ar athreo.
Ná féach im shúile
nó préachfar thú
le fuacht.
 Ná habair liom
go bhfuil an saol faoi choim
go bpéacfaidh síol
go ndéanfaidh do phóga earraigh ealta éan.
Seasaimis gan phóg gan dóchas
in áit na marbh
faoi gach buama a thiteann
mar fhianaise
nach dár ndeoin iad.

©  Biddy Jenkinson

 
Welt in Weiß - Verden i hvitt

Wochentage
wie sie Wurzeln schlagen

Festtage wie sie Tannen richten
und Sterne in den Wipfeln tragen

der Ort entsteht während man steht
die Welt entsteht während es schneit

Die groben Züge des gestrigen Tages werden geglättet
Wartend liegt die Welt

Sehnt sich danach erfahren zu werden
Sehnt sich nach meiner Skispur vielleicht

Oder sind es meine Ski die sich danach sehnen
die Welt unter ihre Spitzen zu nehmen

Die Welt die von wem auch immer
gewonnen werden kann

die Welt ein
Wanderpokal

Aus dem Norwegischen von Ulrike Draesner
Torgeir Rebolledo Pedersen
Aus: Geitehjerte
Forlaget Oktober, Oslo 2006
 
 
Oktober, und Krieg, wie im Zeitraffer welkende Gesichter
aus den himmelsfernen Gärten in Rilkes
Herbstgedicht. Alle Schöpfung wandelt sich rück in ihre
paradiesische Unversehrtheit und kippt gleich wieder um
in den harten Faltenwurf der

Alltagsrealität. Jeden Morgen spülen wir aus den Schlafkleidern
längst verflossener Lieben den Angstschweiß der Alpträume.
Jede Bewegung ist die erste und letzte
in diesem Augenblick. Blutig das Fenster, hingeschlachtet
die Türen, abgezogen die Haut der Wände, dieser
Oktober, einer Bestie gleich, wirft auf die Bettstatt nieder
die bosnischen Frauen, und ich
erzittere in jedem fallenden Blatt

barfuß und nackt... kaum Rückkehr, daß es sie gibt in die Räume
flügelleichter Kinderträume. Das Weiß des Vorhangs zieht sich
über alles, woran mein Auge streift, wird weiß
und weißer. So bleichen auch die Farben
weiter aus, gleich versiegendem
Wasser – gleich zerstreutem Volk, in der weichen Erde versinkend...
Und den Oktober hätten wir

erleben können in den windigen Bergen oder in der schützenden Hülle
unseres ersten Daseins, genauso wie jetzt den Krieg, wie auch die schöpferische Hand des Bildhauers,

die in Erwartung des Kunstwerks in den formbaren Ton greift.

In unserem Niedergang ist Abstieg des einen und Gewinn des anderen beschlossen.
Wie kann man hernach wieder so aufrecht und stark dastehen wie eine Pappel
– wenn der Oktober sich taub gemacht hat für jede Stimme,
die ihm ans Ohr schlägt – mit Mahnung und Aufruf...

Deutsche Fassung von Bodo Hell
© Hadžem Hajdarević
Iz: Peto ušće
Bosnian book, Sarajevo 1997
 
den herbst gibt es; den nachgeschmack und das nachdenken
gibt es; und das insichgehn gibt es; die engel,
die witwen und den elch gibt es; die einzelheiten
gibt es, die erinnerung, das licht der erinnerung;
und das nachleuchten gibt es, die eiche und die ulme
gibt es, und den wacholderbusch, die gleichheit, die einsamkeit
gibt es, und die eiderente und die spinne gibt es,
und den essig gibt es, und die nachwelt, die nachwelt
 
INGER CHRISTENSEN
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel
Aus: alfabet / alphabet Kleinheinrich Verlag, 2001
 
 
 
Das Werkzeug der Geduld
 
Mit Poesie bestücke ich den Hals des Augenblicks,
ich entfliehe der Begrenztheit der Zeit.
An Bord des rätselhaften Horizonts
bekleide ich den Geist mit Licht.
Ich werfe in den brennenden Ofen
die Lava des Zweifels.
Mit dem Werkzeug der Geduld
bezähme ich die Hitze der Wüste.
Mit der Philosophie des Großmuts
erreiche ich die Kränze des Wohlstands.
Und am Gipfel einer öden Reise
umarme ich das Wunder des Überlebens.
 
© Hanane Aad
Aus dem Arabischen von Hans Hahn
 
 

Dovilė Zelčiūtė - [Visa kas mus ištinka]

Alles was uns zustößt
ist nur fotografie
solang wir sehen
solang die negative noch keine positive sind
und die körper geschmeidig begehrlich
vom verfall nicht vernichtet
entwickle zeig uns noch nicht
laß uns im dunkeln sein
uns drehen in der geschlossenen kassette
nicht abrechnen
nicht bekennen
unerkannt sein
ich hoffe weiß
mir bleiben noch unbelichtete bilder
ungedruckte sünden
bis man mich vollkommen offen
zur schau stellen wird
 

Aus dem Litauischen von Claudia Sinnig

 
 
 

Der Zeichensaal

Der ganze Raum roch nach Kreide
und nach schwerem verdorrten Holz.
Generationen hatten sich eingeschnitzt
in die Tische: Buchstabensysteme
über- und ineinander verhakt,
wie in einer alten sumerischen
oder, warum nicht, babylonischen Schrift.
Archäologie! Vergessene Götter mit Hundeohren
und strengen Holzgesichtern traten ganz von selbst
ans Licht aus der Maserung. Dagegen auf dem Papier
nur karge Figuren, gezeichnet vom Lineal,
die Winkel so spitz, man konnte sich daran schneiden.
 
Und das sollte die Wohnstatt der Künste sein.
 

LARS GUSTAFSSON
aus: Auszug aus Xanadu. Gedichte

Aus dem Schwedischen von Hans-Magnus Enzensberger
München: Carl Hanser Verlag 2003

 
 
 
Was einmal an dem Baum war, ist noch da;
denn was es jemals gab, das bleibt.
Es genügt eine Hand, die sich darauf legt
und zu ihm sagt: "Komm."
Denn die Hand ist er: Baum und Gedanke
und Zeit, die nach dir strebt und zu dir findet,
um in dir zu überleben,
denn wenn du an das Leben denkst, bist du;
und denkst du an seine Leere, bist du die Leere.
Kausaleffekt.
Komm heran mit deiner Hand, um mir Gewissheit zu geben,
fast als ob Wollen und Sein
die Lippen dort zu einander führen,
wo wir Baum sind.
Wo ich deine Rinde bin
und du die Leere, die in mir brennt.

El que hi havia en l’arbre, hi és;
perquè tot allò que fou, és.
Només cal la mà que hi descansa
i que li diu: “vine”.
Perquè la mà és ell: arbre i pensament
i temps que et vol i et busca
per sobreviure en tu
perquè si penses el ser, ets;
i, si penses el buit del ser, ets el buit.
Causalitat.
Acosta la mà per donar-me certesa,
gairebé com si voler i ser
haguessin d’ajuntar-se als llavis
on som, nosaltres, arbre.
On jo sóc la teva escorça
i tu el buit que em crema.

© Francesc Parcerisas
Aus: Dos dies més de sudQuaderns Crema, Barcelona 2005
 
 
 
zwischen den Bäumen
zeigt sich ein Baum
den eine fahle Sonne wählte
als Laterne
 
zwischen einem lotrechten Schatten
und noch einem lotrechten Schatten
in seiner Besonderheit
leuchtet er
 

sein silbernes Grün
ist gesättigt von der Essenz
der Sonne, als wäre
er ihr Spiegel

 

© Aonghas MacNeacail
Übersetzt von Michael Donhauser

 
 Worte sind reife Granatäpfel,
sie fallen zur Erde
und öffnen sich.
Es wird alles Innre nach außen gekehrt,
die Frucht stellt ihr Geheimnis bloß
und zeigt ihren Samen,
ein neues Geheimnis.
 
Hilde Domin
aus: Das Gedicht als Augenblick von Freiheit/Fischer Verlag
 
 
BLOWING YOUR OWN HORN
 
 Since 1800
ever some son-of-a-bitch telling you
how great he is
and boring you to death with his noise.
 
Before that, God was greater,
and man was bearable
at least some of the time.
 

As for Chopin, would the Poles have liked him better
if he wasn`t Polish?
Or the Germans, their Wagner -
if he wasn't so German?

 

LOUIS DUDEK
aus: The Caged Tiger

 
 
LUSTSPIEL
 
 Manchmal bin ich
meine eigene Dramatürkin
und sitz mir angestellt im Nacken
mitten auf der Hebebühne
mein Vorhang sich öffnet
und ich springe
auf den Boden der Schubladenkraft
 
Applaus aus den Umkleidekabinen
weckt in mir die Schaut-her-Spiellust
und ich noch beim Auswendiglernen
erzähl was ich vergeß
 

Ganz entdeutscht kommt der Regisseur daher
der kennt die Eintrittspreise
der weiß woher die Rosen duften
erkennt an meinem Lieblingskostüm
die ausgebeulte Frühlingsrolle
ich verbeuge mich
und hatte gut Lachen
im Hals versteckt.

 

Zehra Cirak
aus: Leibesübungen/Kiepenheuer & Witsch

 
 
SOMMERLAND
 
 Am anderen Ufer des Sees leuchten rot
die Saftgläser auf weißen Veranden.
Kräuterbündel, Schlüsselblumen, Kümmel
trocknen auf der Stange über dem sorgsam
erhaltenen Holzofen,
und der Himmel ist weiß und blau wie im Märchen.
 
Hier bei uns halten wir eine Versammlung ab
wegen der Schlaglöcher unter dem Viadukt
und wer die Haselsträucher durchforsten soll
wo das Elektrizitätswerk einen Mast hochgezogen hat.
Die Brücke müßte auch repariert werden,
bevor das Eis sie holt.
 

Hier herrscht ein ziemlicher Verhau.
Nichts wird je fertig.
Diese Gegend hat ihre Unschuld bewahrt.
Ich bleibe ihr treu.

 

MADELEINE GUSTAFSSON

 
 

So haben wir uns die Köpfe verdorben mit Meilensteinen der Belanglosigkeit.
Rabiate Rappelköpfe, die überall Camorras wittern und keine Vernunft annehmen wollen.
Oder Rappelköpfe als Rasseln benutzbar für jede beliebige Karrieregestalt,
die nach Aufmärschen hungert. Wir brauchen Stimmung.
Die Masse rast und etwas löst sich ab von dir, zeigt dir, daß du nicht dafür kannst.
Man hat dich abgefüllt und du kannst das Material nicht mehr ordnen.

 
JOHANNES JANSEN
 
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2005
Aus: Halbschlaf. Tag Nacht Gedanken.
 
 
Mein Weg führt der alten Prozessionsroute entlang,
die Kühe grasen, hornlos und still, da hebt die Braune
den Kopf, die Glocken läuten: Wandlung! ein Türken-
paar tritt aus dem Tann, hoi! grüsst der Mann, die Frau
senkt den Blick - um diese Zeit ziehen sie in Beromünster
den Heiland in den Dachboden hinauf – es raucht
hinterm Wald, in Baseballmütze und Schürze hütet
der Sonntagskoch seine Würste, niest: Helf dir Gott!
ruft sein Gast, ein schweres Motorrad zerschneidet
den Vogelgesang, Stau am Gotthard, meldet das Radio,
mit der Wyna zieht eine Flaschenpost langsam bachab
Richtung Rhein: Zu Pfingsten sollen eure Köpfe
schiffbar sein! verspricht uns der Herr.
© Klaus Merz
Entstanden: 2001
Aus: Vers Schmuggel (Anthologie)
Wunderhorn , Heidelberg 2003
 
 

glaub den irrgärtnern

glaub den irrgärtnern
ihre heuchelei und habgier

glaub ihnen
das tote im blick wenn sie
kerker für ideen bauen

trau
dem gefrierfach hinter ihrer stirn

trau ihrem handschlag
jeden tiefschlag zu.

CHRISTIAN LOIDL
© edition selene
Aus: unveröffentlichtem Manuskript
edition selene, Wien

 
 

zweifel
für diese zweifel
die uns erleuchten
für diese zufluchten
die sich verbinden
bestimmen wir die farbe der spur
und säen sie
als pelikan
säen sie
als welle
oder als stein


Mohammed Bennis
Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung.
Herausgegeben und übersetzt von Stefan Weidner. München: Verlag C. H. Beck 2000

 
 

Der Fuchs
Der Abend senkt sich und wir gehn in Richtung Kneipe.
Die langen Jahre unsrer Zweisamkeit patinieren, was wir sagen.
Im letzten Licht verlängern sich die Schatten auf den Feldern.
Das schläfrige Schelten der Vögel, der stöbernde Fledermausflug.

Dann seh ich ihn, kurzläufig, die langen Ackerfurchen queren,
Von Hecke zu Hecke, ein Jäger auf der Flucht: ein Fuchs.
Er läuft geradeaus, ohne Eile, ohne Rast, auf flinken Pfoten,
Die Schnauze zu Boden, die Rute wischt über den Tau. Wir starren.

Auf einem kleinen Hügel angekommen, wendet er sich um
Und schaut zurück - in seinen Zweifel mischt sich Vorwitz.
Sich sicher, dass wir harmlos sind, schleicht er unter einen Busch.
Wir küssen uns. Das Begehren kehrt sich um und wir nach Hause zurück
Übersetzt von Monika Rinck
© Greágóir Ó Dúill

 

Sionnach
Tráthnóna beag, siúlaimid i dtreo an tábhairne,
Blianta ár gcaidrimh mar chraiceann tiubh ar chomhrá.
Dul ó sholas, agus scáileanna ar thalamh,
Bícearnach codlatach éan, anonn’s anall na n-ialtóga.

Chím é, ag siúl na seaniomairí fada, é íseal, ceart,
Trasna ó chlaí go claí, ar a choimhéad ach ag seilg:
sionnach.
Imíonn díreach, gan mhoill gan deifre, ar chosa tapa,
Smut íseal, eireaball ag scuabadh drúchta. Stánaimid.

Baineann sé amach an t-ard beag, tiontaíonn,
Amharcann siar orainn faoi amhras, rian den dúshlán ann.
Fios aige nach aon díobháil sinn, téann faoi thom.
Pógaimid. Athraíonn mian. Fillimid ar theach.

© Greágóir Ó Dúill

 
 

Sommerregen. Schwarzer Abend. An den Rand
einer Todesmeldung gekritzelt die verfügbaren Daten,
die das Interview in Gang setzen, die Erinnerung
an entrückte Begegnungen, von denen
wir uns mehr Zukunft versprochen hatten.

Der neue New Yorker bleibt offen liegen.
Was heißt Zukunft, wenn sich das letzte Gespräch
per Bandschleife endlos wiederholen läßt
und ein Nachruf zehn Jahre liegt im Archiv.
Trockener Sommer. Der Abend ist hell.

Eine Reise ist vorzubereiten. Man muß
durch eine Nebelfront, deren Weiß so weiß
wie chinesische Trauer ist. Bitte keine Zitate.
Thema vom Tisch. Die Gerstenfelder sind leer,
und man liest, kompliziert sind die Städte.


In memoriam Donald Barthelme
JÜRGEN BECKER
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1990
Aus: Das englische Fenster. heute in: Die Gedichte

 

In Studio City the hummingbird
Sucks from the stamens.
The kitchen is silent. Outside, the sky
Of L.A. has been baked of its demons.

The tuberose blooms to remind of tomorrow’s
Petals on the surface of the swimming pool.
The pool wall drops stilts to waiting earthquakes.
Everyone’s off making films today. A kestrel

Hovers. We cannot do great things
But only small things with great love.
To travel is to be still. Then sunset
Highlights tenderly all the flight paths above
© LUKE DAVIS
Aus: Totem
Allen and Unwin, Sydney 2004
 

 

In Studio City saugt der Kolibri
Die Blütenkelche aus.
Die Küche still. Der Himmel von L. A.
Ist, ausgebacken, alle Geister los.

Die Tuberose blüht und sagt, die Blütenblätter
Werden morgen auf dem Pool schon treiben.
Die Pool-Wand fährt die Stelzen Richtung Erdbeben aus.
Alle sind sie heut am Filmedrehen. Ein Falke

Kreist. Wir können wohl nichts Großes tun,
Nur mit der großen Liebe Kleines.
Reisen heißt stille sein. Die Sonne sinkt,
All die Kondensstreifen sind fein ausgeleuchtet.

aus dem australischen Englisch von Uwe Kolbe
 

 
Könnten Sie es kürzer sagen?

 

   
Leute waren da,
Dinge geschahen,
Bewegungen wurden vollführt.
 
   
Es schmerzte.  
   
© Martin Auer
Entstanden: 1993
 

 

Von der Türschwelle eines Traumes rief man nach mir.

 

   
Es war die gute Stimmer, die geliebte. - Sag, kommst du mit mir, die Seele zu sehen?...
An mein Herz rührte eine Zärtlichkeit. - Mit dir jederzeit.....
Und ich schritt in meinem Traume durch einen langen, kahlen Gang, spürte das Streifen des reinen Gewandes
und den Pulsschlag, den sanften, der befreundeten Hand.
 
   
Antonio Machado / Soledades  

 

A little Madness in the Spring
Ein leichter Frühlingswahn tut
Is wholesome even for the King,
Sogar dem König selber gut
But God be with the Clown -
Doch Gott gewährt dem Clown,
Who ponders this tremendous scene
Die ungeheuren Szenerien,
- This whole Experiment of Green
Das ganze Probespiel im Grün
As if it where his own.
Als eignes Werk zu schaun!

 
   

EMILY DICKINSON

 

 

NATUREINGANG
(frei nach Geoffrey Chaucer)
 
   
Ach wenn April mit milden Schauern
des Lebens dürre Adern bis zur Wurzel badet
und Zephyrs süßer Atemhauch die Triebe all
in Wald und Feld zu kurzem Dauern ladet
und schon die junge Sonne halb den Bogen
vom Widder bis zum Stiergehörn durchzogen
und wenn Erinnerung aus fließendem Verfall
den Blick erhebt: wie Vögel nachts mit offnen Augen schlafen –
o dann beginnt die Zeit auch mir den Sinn zu weiten:
Vergangenheit die nicht gelebt
Winter da wir uns nicht trafen
sind nichtig wenn ein altes Herz sich neu erhebt.
 
   
Noch mit gebrochnen Lyren und vom Frost verstimmten Saiten:
auf deinem Ufer
blumenreich
entfaltet von Gezeiten
muss ich mit Sonnenlicht gerüstet dir entgegenreiten.
 
   
© Wolfgang Hilbig  

 

ERNEUERUNG  
   
Diese Felder voll inbrünstiger Knospen
muten eher verzweifelt an
im schmerzhaften Aufschießen der Säfte, dem
Weltstoff zu immer neuen Farben,
Träumen, Gestalten,
während die Wolken hoch oben die Landkarten
einer unberührbaren Ewigkeit zeichnen,
eine bleibende kristallene Bläue –
 
   
Wie bestürzend dieser Lustkrampf, wenn
der Frühling ausbricht wie der Untergang, die Aussaat
eines blühenden Krieges
und am Horizont die Vögel
in der Formation von Engeln ein Zeichen
schreiben, das der Welt verkündet: alles
muß sich ändern, ein für alle Mal,
in dieser strahlenden Verfügung.
 
   
STRATIS PASCHALIS
www.lyrikline.de
 

 

AM GÄNGELBAND DES BÖSEN

 
   

Nicht doch, mein Lieber, laß das.
Ich bin es leid, dieses Reden
von den Fesseln, dem Qualm des Alltags,
der so grau ist und alt wie die Welt.

 
   

Im ärgsten Lärm und Streß
sind wir nicht unbeflügelt.
Aus dem Gänsetrompetenblech
flattert ein Blättchen Flieder.

 
   

Ein Krokus auf Mutters Beet
verströmt ein unirdisches Leuchten,
und ihr Nest eine Schwalbe klebt
unters Dach des verstrahlten Gebäudes.

 
   

Nicht erschöpft hat die Welt alle Heilung.
Noch am Gängelband des Bösen
kann ein Mensch, wenn auch nur bisweilen,
wie du mich,
einen andern erlösen.

 
   

Nina Mazjasch
Aus dem Belorussischen von Elke Erb

 

 

Winterliche Anwendung mit Teelichtern  
   
eine Zartheit befolgt, ein Herzklopfen, beinah
Anordnung (Flageolett):
ein versprengter Frost, ein Stanniol, das
Aufblitzen in den Augen
„wie sich diese unsteten Gegenden nach und nach
lossagen von uns“
 
   
Imitate und Tarnungen, halber Aufenthalt
wie auf fotokopiertem Schnee (die geheimen
Verstecke: dein einzeln beschlagenes
Brillenglas, ich bin anstandshalber
bald wieder gegangen) und alle Berührungen
fallengelassen: noch rasch
an dich angelehnt
 
   
flackernde Orte, ein Herzklopfen
voller Teelichter, leichte Bandagen: ich taste
die Schuhe, die Schneeränder ab
eine Zartheit befolgt, ein paar Fluchtpunkte
sachte verschoben, ich habe die Fingerspitzen lackiert
als wären sie winterfest
 
   
MARION POSCHMANN
Aus: Verschlossene Kammern. Gedichte
zu Klampen, Lüneburg 2002
ISBN: 3933156769
 

 

Lotterie der Wünsche  
   
Alle nehmen teil. Ziehung
ist jeden Tag. Du wachst
morgens auf: das hattest
du dir doch sicher gewünscht.
Schon gewonnen!
 
   
Du bewegst die Zehen: gelenkig
bis rauf zum Hals zum Kopf: alles
was drin war noch da
und die Wörter dafür passen ziemlich genau.
 
   
Alles gewonnen – in einem Nu! Du
öffnest die Augen: diese Erregung der Netzhaut
über die Sehnerven hin zum Sehzentrum des Großhirns!
Im Zusammenspiel der brechenden Flächen
von Hornhaut und Linse:
dieses niedagewesene Bild deiner weißen Kommode
umgekehrt auf deiner Netzhaut
und das Bild vom Bild von der See und vom
Vorhang (müsste mal wieder gewaschen werden)
Du blinzelst zum Fenster, deiner Sehstäbchen
Sehzapfen deines Sehpurpurs völlig gewiß:
Sonne Schnee Regen, ist doch egal: Du hast
deine klare Sicht: Hauptgewinn Volltreffer
in jedem Augenblick (auch mit Brille)
 
   
Manche haben sogar
das Große Los gezogen: es liegt
neben dir und – ja, es atmet, ist
warm und sieht aus
noch genauso wie gestern. Wenn du
dir das nicht gewünscht hast!
Und dann erst was losgeht
wenn du es einlöst,
das Große Los, und
es dir die Sprach verschlägt …
 
   
(Ulla Hahn)
aus: So offen die Welt
 
Deutsche Verlagsanstalt München  

 

  ECHO ECHO  
       
  Es war ja nie
Einfach zu warten,
Stillzusitzen.
It was never
Simple to wait;
To sit quiet.
 
       
  Gab es nicht nich
Einen anderen Weg,
Eine Strecke zu gehen -
Was there still
Another way round;
A distance to go -
 
       
  Als hinge ein
Echo in
Der Luft bevor
As if an echo
Hung in
The air before
 
       
  Man eins hörte;
Bevor ein Wort
Gesprochen war.
One was heard;
Before a word
Had been said.
 
       
  Was war Liebe
Und wo
Und wie käme man hin.
What was love
And where
And how did one get there.
 
       
  ROBERT CREELEY aus: FENSTER, neue Gedichte/Residenz Verlag)  

 

  BRISE AM MORGEN ΠΡΩΙΝΗ ΑΥΡΑ  
       
  In das helle Papier gräbt die Feder
blaue, tiefblaue Sätze.
Η γραφίδα χαράζει πάνω στ' άσπρο χαρτί
κυανές, βαθυγάλαζες φράσεις
 
       
  Während ich über den Tisch gebeugt schreibe
und die Worte sich verdichten – ein Meer von Ultramarin –,
finde ich mich auf einmal über eine Reling hinabschauen
auf junge Mädchen von verstörender Schönheit,
die in Felsen nisten und mit den Wellen aufschäumen,
über die grünen Steine gleiten, ins Wasser tauchen
und verlöschen wie glühender Stahl,
morgens, während wir uns den schlaftrunkenen Inseln nähern
im Erschauern des Meeres mitten im August.
κι ενώ γράφω σκυμμένος, στο τραπέζι ακουμπώντας,
και οι λέξεις πυκνώνουν -ένα πέλαγος μπλάβο-
νιώθω τώρα να γέρνω σε μια κουπαστή καραβιού
κι αγναντεύω κοπέλες με στυγνή ομορφιά
να φωλιάζουν στα βράχια, να παφλάζουν στο κύμα,
να γλιστράνε στις πράσινες πέτρες, να βουτούν στο νερό
και να σβήνουν σαν λιωμένο ασήμι,
πρωινό, πλησιάζοντας σε νησιά ναρκωμένα
μες στα ρίγη της θάλασσας στην καρδιά του Αυγούστου
 
       
  ©Stratis Paschalis www.lyrikline.de  

 

FISCHE
 
Das Antlitz der Götter hat sich längst zurückgezogen
auf die Etiketts an den Konservenbüchsen
geblieben ist nur noch der Haufe der Alten
die im Regen eine geschminkte Kirche betrachten
und die zarte Maschinerie der Sonnenblumen
die endlos auf dem Hügel rattert.
 
Mit dem Vieh stehen wir dicht gedrängt auf dem Feld
es ist als schwebten Luxusdampfer
die das Meer nicht mehr erträgt
durch die grünen Wiesen
nichts hinterlassend als Spuren
von Treibstoff und Transatlantik-Partys.
 
So lauern wir wie furchtsame Fische unterm
vorbeischwebenden Paradies auf den Strick
der auch uns an Bord hieven wird.
 
Aber es ist nichts:
eine Welt zieht an der andern vorbei
und sie berühren sich nicht.
 
MIRCEA DINESCU, geb. 1950 in Rumänien
Aus ein MAULKORB FÜRS GRAS/Fischer Taschenbuchverlag
Übersetzt von Werner Söllner

 

  Der Morgen zerstreut Blüten des Lichts El alba sopla pétalos de luz  
       
  Der Morgen zerstreut Blüten des Lichts.
unsichtbar
vibriert Leere
und ermutigt, sich zu orientieren.
Das Geheimnis der Stille
offenbart seine Wurzeln:
die bodenlose Ruhe nämlich
der Liebe.
El alba sopla pétalos de luz.
Vibra el vacío
en invisible movimiento
e invita a orientación.
El secreto del silencio
revela su ser secreto:
la quietud sin fondo
del amor.
 
       
  CLARA JANES (entstanden 1995
aus dem Spanischen übertragen von Gerhard Falkner auf der Grundlage von Interlinearübersetzungen
www.lyrikline.de
 

 

DAS sogenannte Leben

Alles, was einer Seifenoper Themen liefert,
schien ihm nicht wert, erzählt zu werden,
auch wenn er gern gesprochen hätte - er brachte es nicht fertig.
Er war verwundert über die verworrenen Geschichten von Männern und von Frauen,
die sich dahinzogen - bis zum flackernden Vergessen.
Er selbst konnte nur die Zähne zusammenbeißen und ertragen,
abwarten, bis das Altern den Tragödien die Bedeutung nimmt,
und bis die Seifenoper zerplatzt, mit ihrer
Liebe, ihrem Haß, mit Versuchung und Betrug.

CZESLAW MILOSZ
DAS und andere Gedichte, Carl-Hanser-Verlag € 14,90