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„Ich glaube nicht, dass es irgendeinen
Denkvorgang gibt,
der ohne persönliche Erfahrung möglich ist“. Hannah Arendt / 1964
Die Veränderung vollzog sich innerhalb eines Sommers. Mag man glauben,
dass so wenig Zeit genügt? Unter Aufbringen meines ganzen Besitzes an
Mut gelang die Flucht aus der "gnadenlosen" Idylle der etikettierten
Salzburg-Schublade. Die Stadt war zwar gut beleumdet für mich bestand
sie nur mehr als Steinwüste (-gasse) aus Hektik, zerlumpten Flaneuren,
Barbaren, die immer nur an das eine dachten. Die Männer mit müden
Weisheiten aus simplestem Material, statt auf hoher Ebene reichte es
nicht mal zu einem matten Gag - allesamt im Schlaftablettenbereich.
Bieder und derart begrenzt in ihren Ausdrucksmöglichkeiten, weder gut
noch böse, sondern nur hinterhältig auf den Unterleib zielend und in
ihrem seichten Lächeln die Unverkennbarkeit der gewünschten sexuellen
Erleichterung. Lichtjahre entfernt von meinen gewünschten
geisteserotischen Verwicklungen. Diesen „fabrizierten Sex“ konnte man
sich spielend durch einen Vibrator holen. Meine Wünsche wollte ich
nicht mehr auf dem Hackblock des Hoffens spalten.
Ich hatte ganze Abende vor dankbarem Publikum für mich waren es fast
nur mehr gesichtslose Gäste, gleichgültige und austauschbare Teilchen
einer Welt. Je später der Abend, desto leerer im Geiste und höher die
Promi(lle)nenz. Es war ein Ort des Übergangs, ausgefüllt von Ängsten,
Wünschen angepasst an Jedermann. Ich war gezwungen meinen Status zu
behaupten und durfte in meinem „vorgegebenen, eingegrenzten Feld“
dienen. Der äußere Imageaufbau kostete die Zeit, die ich dann zum
Lesen und zur Suche nach der eigenen Identität - die in jedem
schlummert - nicht mehr hatte. Sicher war nur, alles was ich aufnahm,
entfaltete keine positive Wirkung und Emotionen. Der Lustfaktor Konsum
bildete mich nicht und trug auch zu keiner langfristigen Befriedigung
bei. Ich wollte nicht länger das Verdauen, was mir angeboten wurde.
Die Geruhsamkeit im „Fernsehsessel“ Fett anzusetzen, kam mir
rechtzeitig abhanden.
Man kann mit Anschuldigungen um sich werfen, aber im Nachhinein
betrachtet war es sicherlich auch eine wichtige Zeit für die
persönliche Weiterentwicklung und meinem Wunsch nicht die x-te
Wiederholung zu machen und als einzige Veränderung den
Alterungsprozess zu akzeptieren. Meine unter einem Zuckerhut stehende
Klientel würde sich keiner Veränderung unterziehen, also musste ich
handeln. Ich fühlte mich von ihnen nur benutzt, wie eine Puppe, die
auf einem Schachspiel hin und hergezogen wird. Meine
Veränderungswünsche wurden mit einem Augenzwinkern bemerkt, was
signalisierte, dass man ein Entrinnen aus ihrem Kreis
selbstverständlich nicht für möglich hielt. Die Spielräume der
Gespräche wurden täglich begrenzter.
Ich hatte diese hohlen Rituale der diversen Gesellschaftschubladen
satt, die zwar die totale Freiheit proklamieren, im Grunde aber einen
ständig den rigiden Gruppenzwang unterwerfen. Man lacht ab und zu,
trinkt, kann sich bei schlechtester Laune noch immer über das größere
Pech der Anderen freuen, kurzer Blick auf die täglichen Nachrichten
genügt. Jeder unzufriedene Tag nahm ein bisschen mehr Lack ab und am
Ende wollte ich nicht als Ruine dastehen und jeden Tag bewegte auch
ich mich um einen Schritt mehr auf das Ende zu, wann weiß niemand,
dazwischen schien mir die Zeit zu kostbar, um alles immer wieder
aufzuschieben - bis es wahrscheinlich zu spät wäre - aber das war
keine Geschichte über meine Trägheit sondern eine von nicht
verarbeitenden Ängsten aus der Kindheit.
Es ist nicht nur die Alltäglichkeit gewesen, die störte, sondern die
Erstarrung. Die Zeit der äußeren Anpassung und dem inneren Stillstand
war für mich nicht mehr ertragbar, in diesem Arrangement wollte ich
mich nicht mehr bewegen. Meine Geduld war am Ende - Geduld, schreibt
Ambrose Bierce im Wörterbuch des Teufels, ist die mindere Spielart der
Verzweiflung - maskiert in der Tugend. Was einzig wichtig war, dieses
plötzliche Begreifen, dass alles auch ganz anders möglich sein kann.
Die Umklammerungen lösten sich und eine Tür öffnete sich zum
Offensichtlichen. Das Ergebnis war beklemmend und befreiend zugleich.
Ich wollte nicht mehr im Glauben sondern im Geiste wandeln. Denn
letztlich gab es für mich nur eine Lebens-Kunst, derer ich wirklich
bedurfte, und das war die Kunst der Freude und Bejahung des eigenen
ICH, so dass alles, was nicht zum Erkennen meiner eigenen Person
diente, überflüssig oder gar verderblich war.
Endlich befreite ich mich von der Krankheit schlampiger Gefühle, die
Umstände standen günstig und der Wind wehte aus der richtigen
Richtung. Ein paar winzige Geistes-Strahlen reichten aus, um den
Schwarz-Weiß-Film zu verlassen. Ich bin der „Nebelszene“ noch gerade
entkommen. Es gab nur ein Entrinnen aus dieser Gesellschaftsschublade
- sie im Geiste aufzulösen.
Doch nur aus Kritik heraus kann man auf Dauer nichts gestalten und
verändern. Durch den freudigen Konsum von Büchern dünnte sich der
Markenkonsum und die Freunde von selber aus. Es erfreute mich, dort zu
fehlen. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und geistiger
Orientierungslosigkeit wollte ich mich in der eigenen Haut wohlfühlen
und zu Hause sein. Das macht fröhlich, fast übermütig und ich komme
mir immer näher. Kein Endpunkt, kein Komma - nur mehr der fortweisende
Gedankenstrich |